BLIND DATE 23. Februar bis 12. April 2008
Michael Sistig, Das absolute Gehör, Öl auf Baumwolle 200x150cm
Amely Spötzl, Rankenspiel
»Blind Date«
Vorwort von Christina Kreuzberg
Der Begriff
»Blind Date«
bezeichnet konventionell ein Treffen von zwei sich unbekannten Personen. Das Zusammentreffen verschiedener Künstler in der Ausstellung kann als ein solches verstanden werden. Die Ausstellung in der Galerie E105 erweitert diesen Begriff und eröffnet neue Aspekte, die sich mit dem Ausdruck »Blind Date« verbinden lassen. Augenscheinlich sind die ausgestellten Werke vorab für den Betrachter irreführend: Nicht nur aufgrund ihrer Distanz zueinander, sondern auch wegen ihrer scheinbaren Banalität oder vielmehr ihrer Alltäglichkeit. Der Besucher trifft im »Blind Date« auf die Neuartigkeit und Erweiterung des zeitgenössischen Kunstverständnisses. Für die Kunst ist das Eigenschaftswort »zeitgenössisch« inzwischen zum Slogan schlechthin geworden: den einen als impulsive Energiequelle, den anderen als abschreckende Provokation. Die Beschäftigung mit dem Zeitgenössischen, vom Betrachter oder Künstler ausgehend, ist eine Herausforderung der unvorhersehbaren Möglichkeiten: ein »Blind Date«.
»Blind Date« lässt sich des Weiteren als eine Hinterfragung der Rezeptionsästhetik deuten. Kunst als er?fassbares Medium des Visuellen wird oftmals nur auf die einseitige Wahrnehmungsart des Sehens reduziert. Das vermeintliche Parodoxon dieses Satzes beinhaltet ein Prinzip der Kunst der Romantik, in der das Bild erst durch die innere Bewegtheit sichtbar gemacht werden kann. Die Blindheit verlieren, hinter die Kulissen schauen und das Objekt mit Inhalt füllen, ist Aufgabe des Rezipienten in der zeitgenössischen Kunst. Das Genießen, das sprachlich in »zeitgenössisch« berührt wird, will gelernt sein. Die Begebenheiten des Neuen sind nicht ohne einen Vorsatz des Hinterfragens, des Erkennens, ohne die Lust am Wagnis zu erschließen. Ein solches Phänomen der zeitgenössischen Werke lässt sich nicht durch oberflächige Betrachtung erkunden. Vielmehr wird der Inhalt des Gegenstandes, nach der visuellen Erfassung, durch die Verinnerlichung des Gesehenen verständlich. Die Auslegung des visuell Erfassten ist ein individueller Prozess.
In den Werken von
Amely Spötzl
sieht sich der Betrachter einer solchen Herausforderung gegenübergestellt. Die naturalistischen Werke sind weit mehr als eine ästhetische Anordnung pflanzlicher Materialien. Das Bekannte setzt sich durch die neue Bekanntschaft mit Formen oder Konzepten in einen neuen Raum, der die alte Sinnhaftigkeit der Materialien verschleiert. Die Künstlerin hat die Produkte der Natur zu ihrem Ausdrucksmittel ernannt. Blumen, Blätter und krautige Pflanzen werden getrocknet, geteilt oder entblättert. Die Künstlerin versteht es nicht nach dem Prinzip des Schönen, sondern nach dem Markanten der Pflanze zu suchen und dieses durch die Bearbeitung freizulegen. Dabei ist die Verwertung teilweise ihrem Gefühl geleitet oder fußt in anderen Arbeiten auf einer konzeptionellen Idee. Die Pflanzenwelt und ihre Vergänglichkeit bringen Kriterien von Tradition und Geschichte mit sich. Für Spötzl hat dieser Hintergrund eine geringe Bedeutung. Sie versucht die Pflanzenwelt von dem Vorgegebenen zu befreien, um das Material für ihren Anspruch geltend zu machen.
Das Werk »Klettensofa« von 2008 zeigt das kleine Modell eines Sofas, dessen Stoff aus Kletten zusammengewebt wurde. Eine homogene Fläche, die sich erst bei näherer Betrachtung als einen gefährlichen Stachelparcours herausstellt. Das markante der Pflanze ist hervorgehoben und Stängel sowie Blätter sind entfernt. Ein »Blind Date« des Ausstellungsbesuchers mit der von der Künstlerin inhaltlich neu bestückten Klette: Von der Herkunft entfremdet, als Sofapolster neu erschaffen. Der »kleine Schubladenaltar« ist ein Sammelsurium getrockneter Pflanzen, die in einer kapellenähnlichen Holz und Plastikmontage ange?bracht sind. Die Blüten eines Trompetenstrauchs sind mit einer Kordel verbunden und unterhalb eines aus einem Eisbecher entwickelten Schirms wie eine Girlande angebracht. Flügel eines Ahornbaumes, entblätterte Blüten des Rhododendron, eine Bärenklaue und andere Blüten und Pflanzenarten werden von Spötzl, vom Gefühl geleitet, in dem kleinen Schubladenaltar bühnenartig in Szene gesetzt. Das Naturhafte der Pflanzen tritt in den Hintergrund. Dem Betrachter wird ein Raum zugänglich gemacht, in dem er seine Assoziationen frei gestalten kann.
Biografie/ Ausstellungen
Yvonne Wilczynski
1972
Geboren in Zabrze, Polen
1981
Seit diesem Zeitpunkt in Deutschland lebend
2002 - 2005
Studium der freien Kunst an der Kunsthochschule Kassel,
bei Prof. Urs Lüthi und Prof. BjØrn Melhus
seit 2006
Studium der freien Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf,
bei Prof. Thomas Grünfeld
Claudia Gienger kombiniert in ihren aus Ton gefertigten Werken ein handwerkliches Material mit einem künstlerischen Konzept: Ein »Blind Date« von Kunst und Ton . Sie erschafft Räume, die nicht nur im kleinsten Detail zu Stuhl, Tisch und Bett ausmodelliert werden. Ebenso beansprucht ihr Werk einen weiteren Aspekt der Sinneswahrnehmung: Das »Blind Date« von Betrachter und Ton durch die Wahrnehmung des Geruchssinns. Der Prozess der Werkentstehung wird von der Künstlerin akribisch vorgenommen. Über Tage wird das Gerüst aus Holz, Stahlgitter und Plastikfolien vorbereitet und bearbeitet, so dass sie erst am Ende zu der eigentlichen Raumgestaltung übergehen kann. Der feuchte, geruchsintensive Ton wird an die Wand geworfen, die Innenausstattung wird modelliert und in das Raumgefüge eingegliedert. Die Gegenüberstellung von Makro- und Mikrokosmos, der kleine Raum im Galerieraum, wirft viele Fragen auf und lässt den Betrachter von außen auf seinen Lebensraum blicken. So die Künstlerin: »Die Themen der Darstellungen machen sich an Einrichtungsgegenstände fest, die als Metapher von Erinnerung, Sehnsucht und Hoffnung eines Menschen erzählen.« Das für den Menschen Selbstverständliche stellt Gienger als Kunst- konzept vor, als zu betrachtendes, als homogener Guss aus Ton. Mit einfachen Eingriffen bearbeitet sie das traditionelle Material des Tons und setzt es in einen Bezug zum Raum. Das Handwerkliche, die Arbeit mit dem Material, die Erschaffung eines Ton-Kosmos liegt an und im Prozess der Arbeiten.
In den Werken von Taka Kagitomi erkennt der Betrachter vorab nur ihm vertraute Alltags- oder Gebrauchsgegenstände, die der Künstler nach Belieben bearbeitet. Geleitet wird er dabei von der Faszination an dem Material, an der Form oder einfach an dem Gegenstand selbst. Mit Erfassen der Einzelteile verknüpfen sich die Gegenstände zu einem »Blind Date«. Sie erscheinen zunächst unzusammenhängend. Wenn der Betrachter nun schon aufgibt, wird ihm das Konzept von Taka Kagitomi ein Geheimnis bleiben. Die Tradition der scheinbar wahllos zusammengesetzten Objekte verdankt die Kunst der Freiheit, die sie sich durch die Moderne erwerben konnte. Jeder seiner dem Alltag entnommenen Gegenstände verliert durch die neue Zusammenstellung den ihm eigenen Zweck und füllt ihn mit neuem. Der alte Fahrradsattel mausert sich zum Prunkobjekt, das Abzugsrohr erhält eine anthropomorphe Beweglichkeit. Wie auf zwei Beinen nimmt es den Raum für sich in Anspruch. Was dem Abfall zugeordnet wird, wertet Kagitomi neu auf. Das »Blind Date« der Gegenstände entfernt sie von ihrem Ursprung und füllt sie mit neuer Bedeutung.
Die »Bild-Gebilde« von
Michael Sistig
stellen die Malerei vor eine neue Herausforderung. Die traditionelle, quadratische oder rechteckige Leinwand wird durch eine auf Ästen gespannte Leinwand ersetzt, die sich asymmetrisch und durchbrochen vor der Mauer der Galerie ausbreitet. Das »Blind Date« wird in den Werken inhaltlich fassbar. Zunächst soll jedoch der kompositorische Aufbau berücksichtigt werden. Sind diese Gebilde Bilder oder Reliefs? Ist es eine Bildauflösung oder die Erweiterung des Bildmediums? Es ist ein »Blind Date« der Malerei mit dem Naturhaften. Die Äste, dem Zerfall entrissen, neuartig zusammengestellt, bilden die Grundlage für die Malerei von Sistig. Die Werke feiern die Tradition der Malerei und verabschieden sie zugleich. Der Beweis für die Aktualität der Malerei und ihre Flexibilität ist in den Werken in Einem vollzogen. Wichtig ist jedoch der Blick des Betrachters, der nun nicht von Geraden und Vertikalen der Leinwand verwöhnt wird, sondern den Parcours aus Ästen und Wegen sowohl in, als auch malerisch auf der Leinwand durchdringen muss. Das rein visuelle Gemälde wird als Relief neu belebt und erweist sich als Sinnerweiterung durch das haptische Element der Leinwand.
Das Werk »Das absolute Gehör« thematisiert die Bedeutsamkeit des Hörens oder vielmehr des Zuhörens. Das linke Bildfeld zeigt im Vordergrund helles Schilfgewächs, das den Betrachter von dem Weg dahinter trennt. Ein Mann mit erhobener Hand zeigt den Weg in die vermeintliche Leere. Ein Ast scheint aus dem Nichts in das Bildwerk hineinzukrachen. Die Dramatik des Bildes gipfelt in der Person, die rechts unten dem Betrachter einen Hörtrichter entgegenstreckt. Das vorab abstrakte Erscheinungsbild, erhält eine tiefere Bedeutung. Denn nicht nur das Gesehene, sondern das Zuhören, die Blindheit verlieren und das neu erlernte Sehen ist Inhalt der Bild-Gebilde. »Das Abstrakte wird wortwörtlich zum Konkreten, und zwar zu einem Konkreten zweiter Potenz – oder: die geläufige Unterscheidung von abstrakter und gegenständlicher Malerei wird zugleich unterlaufen und unterboten. Blicktot wäre nicht, wer nichts sieht, sondern blicktot wäre, wer meint, er sehe, was er sieht. Damit ist das Grundthema (…)«1 der »Bild-Gebilde« angeschlagen. Um sich auf sein Werk einlassen zu können, muss man die Blindheit verlieren.
Die reine visuelle Rezeption muss erweitert werden: Ein »Blind Date« mit der Kunst.
1 Prof. Dr. Egon Schütz zu den Werken von Michael Sistig: Aufsatz „Die Rätsel der Bild-Gebilde“ vom 22.01.08 und Aufsatz „Naturormatiertes Bild-Gebilde“ vom 26.01.08.
